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Mittagessen
Mein Magen knurrte. Ich warf einen Blick auf die Uhr am Computer und stellte fest, dass ich die übliche Zeit in der alle „Mahlzeit“ murmelnd an einem vorbei gehen, um eine Stunde überschritten hatte. Die beste Gelegenheit um die einzige Mikrowelle im Aufenthaltsraum leer vorzufinden. Heute wollte ich keine belegten Brote mit Wurst oder Käse. An diesem Freitag hatte ich mir etwas Besonderes von zu Hause mitgebracht. Bevor ich die Plastikdose in den firmeneigenen Kühlschrank gestellt hatte, musste ich zuerst einen Zettel schreiben. Aus Erfahrungsberichten meiner Kollegen war ich vorgewarnt. Eventuelle Blicke hungriger Augen in den Kühlschrank, sollte eine eindeutige Botschaft erwarten. Ansonsten würde es keine Garantie geben, dass meine Dose bis zum Mittag dort bliebe wo sie war.
Finger weg – sonst holt dich der Teufel! Dieser Satz sollte genügen. Tatsächlich fand ich meine Dose an ihrem Platz in der hintersten Ecke im Kühlschrank. Sie stach mit ihrem hellblauen Hartplastikunterteil und ihrem grellen, rosafarbenen Deckel heraus. Der kräftig, gelbe Blumenaufdruck mit den giftig, grünen Blättern, hätte ohnehin jeden hungrigen Dieb davon abgehalten diese Dose zu nehmen. Dieser Meinung war zumindest meine Kollegin, die sich heute Morgen, beim Anblick meines Farbwunders, wie geblendet ihre Augen zugehalten hatte. Den halben Vormittag hat sie mich mit der eigensinnigen Farbzusammenstellung meiner Dose geneckt. Ob ich morgen Ton in Ton mit meinem Plastikteil käme oder ob es die Dose nicht ein bisschen bunter geben würde. Das war mir egal. Ich wusste welchen Schatz meine Dose beherbergte.
Feierlich nahm ich sie aus dem Kühlschrank und hob den Deckel ein kleines Stück an, schnüffelte hinein und sog den herrlichen Duft der Speise ein. So verführerisch, obwohl noch kalt, dass mir ein passendes Wort für das Gericht im heißen Zustand nicht einfallen würde. Vorsichtig platzierte ich meine kleine Kostbarkeit auf dem Drehteller der Mikrowelle, stellte die Uhr auf drei Minuten und schloss die Tür. Das Gerät startete. Mit jeder Umdrehung würde meine Leckerei wärmer werden. Zu träumen ist eine Sache, etwas zu träumen und das Gefühl zu haben, der Traum wird wahr, schien mir der Glückseligkeit nahe zu kommen. Nur noch zwei Minuten war ich noch davon entfernt. In Gedanken hörte ich schon das „Pling“ der Mikrowelle. Fast gleichzeitig kamen Erinnerungen und Bilder zurück. Diese fremdartige Kultur, die geheimnisvollen Klänge und die freundlichen Menschen. Auch wenn ich Jahre in Asien war, für diesen großen Kontinent zählen Jahre nicht mehr als ein paar Wochen. Vieles ging nach meiner Rückkehr nach Deutschland im Alltag verloren. Einiges konnte ich mir erhalten. Dazu gehörte der Gedanke an den Geschmack des herrlichen Essens. Gestern hatte ich für Freunde gekocht und es war noch ausreichend übrig geblieben. Damit stand fest, was es am nächsten Tag zum Mittag für mich geben würde. Zu diesem Anlass hatte ich mich in meinen Küchenschränken verloren, um das passendste Gefäß zu finden - eine originale Essensdose aus China.
Der sehnsuchtsvoll erwartete Ton riss mich aus meinen Gedanken. Mit den Topfhandschuhen nahm ich die heiße Dose aus dem Gerät. Ich nahm ein paar Essstäbchen und setzte mich an einen der Tische. Jetzt war ich bereit, in die Vergangenheit zu reisen.
Vorsichtig hob ich den Deckel ab, der Dampf entwich und hinterließ einen feinen Duft – gleich dem in den chinesischen Garküchen. Meine Augen nahmen die langweilige, hellbraune Farbe meines Essens auf, als wenn der schönste Regenbogen in der Dose Platz genommen hätte. So kannte ich es. Genau so! Wie oft hatten wir in China gegenseitig geschaut, was die Kollegen zum Mittag aßen. Und meist war es diese hellbraune Matschfarbe. Der Reis hatte sich, über Nacht in der Dose mit dem Gemüse, dem Fleisch und der braunen Sauce gemischt. Bis auf einzelne grüne Komponenten war kaum ein Unterschied bei den Gerichten zu erkennen gewesen. Es duftete immer vollkommen. Als ich zu essen begann und das Klappern meiner Stäbchen in der Plastikdose vernahm, musste ich schnell mit dem Handrücken ein paar Tränen wegwischen. Niemand hatte im Büro in China einen Teller, alle aßen aus ihren bunten Plastikdosen. Es war dieses eine bestimmte Geräusch, welches nur durch das Klappern der Stäbchen in Hartplastikschalen entsteht. Jeder schlürfte und schmatzte. Jeder war zufrieden mit seiner Mahlzeit. Egal was am Tag noch passieren würde, alle hatten die Gewissheit, ein leckeres, warmes Essen gehabt zu haben. Es gab für mich also nie einen Tag, an dem nicht etwas Gutes passiert war.
Ich kratzte mit den Stäbchen die letzten Reiskörner auf. So zufrieden war ich schon lange nicht mehr in der Mittagspause gewesen. In Zukunft würde ich öfter Freunde einladen um chinesisch zu kochen. Und es würde sicher wieder etwas übrig bleiben – ganz genau wie in China.
Die kleine weiße Wolke
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Es war einmal eine kleine weiße Wolke. Hoch oben im Himmel schwebte sie hin und her und schaute sehnsüchtig zu Boden. Wie schön müsste es sein, dort unten bei den Menschen zu leben, dachte sich die Wolke jeden Tag. Von dort oben sah alles so fröhlich und bunt aus. Die kleine Wolke sah hohe und niedrige Bausteine. Die Bausteine hatten verschiedene Breiten und sie waren mit bunten Hüten geschmückt. Die einen hatten rote Hüte auf, andere blaue oder braune. Wieder andere schwarze und manche hatten lustige Freunde auf den Hüten sitzen. Hähne zum Beispiel. Bei manchen war Feststimmung. Diese hatten goldene Kugeln oder Kreuze an ihrer höchsten Spitze. Überall liefen die Menschen dazwischen herum. Hin und her, rein in die Bausteine und wieder heraus. Manchmal blieben sie mit anderen zusammen stehen oder gingen nach einer Weile zusammen weiter. Die kleine Wolke sah große Menschen und kleine Menschen. Manchmal waren auch ganz kleine Menschen dabei. Die gefielen der kleinen Wolke besonders. Tiere liefen bunt durcheinander und lustige bunte Gebilde mit je vier Rädern rollten hin und her. Manchmal blieben sie stehen und aus ihnen kamen auch wieder Menschen. Die kleine Wolke stützte das Gesicht auf die kleinen Wolkenarme auf, und blickte hin und her schaukelnd zur Erde hinab. Wie gerne wäre sie dort unten, als kleine Pfütze, vor dem höchsten der Bausteine. Dieser gefiel ihr besonders, gab er doch in Abständen einen Ton von sich. In großen Abständen machte er viele verschiedene Töne. Das klang dann wie eine schöne Melodie bis nach oben in den Himmel, wo die kleine Wolke schwebte. Oder sie wäre gerne als kleine Menge, in dem klaren, blauen Wasser, mitten auf dem grünen Teppich, unweit der Bausteine. Hier spielten die kleinen Menschen mit bunten Kugeln, die sie sich zuwarfen. Andere versuchten sich im gegenseitigen Fangen. Auch Tiere spielten oft mit. Manche lagen im Gras und sahen zur kleinen Wolke hinauf. Da beeilte sie sich, schnell hinunter zu winken. Sie war so in Gedanken, dass sie nicht bemerkte, wie sich immer mehr große, graue Wolken um sie scharrten Dichter und dichter kamen sie. Als die kleine Wolke auf sah, war es jedoch zu spät. Mit lautem Gebrüll stürzten sich die großen, grauen Wolken auf sie und erdrückten sie fast. Es war so laut, das die kleine Wolke versuchte sich mit einer Hand die Ohren zu zuhalten. Mit der anderen bedeckte sie ihre Augen vor den grellen Lichtblitzen die sie fürchterlich in den Augen blendeten und schmerzten. Auf einmal stürzte sich die große, graue Wolkenmasse zu Boden und riss die kleine Wolke mit sich. Immer tiefer und schneller ging es hinab. Der kleinen Wolke wurde ganz schwindelig. Der Wind pfiff ihr um die Ohren und sie merkte wie sie immer dünner und nasser wurde. Mit einemmal wurde sie unsanft abgebremst. Und als sie sich umschaute, stellte sie fest, dass sie auf dem Boden aufgekommen war. Sie war genau vor dem größten der Bausteine gelandet. Nun freute sich die kleine Wolke mächtig. Sie blickte sich um und hielt Ausschau nach den Tieren und den lustig umher wandernden großen und kleinen Menschen. Das Gesicht der kleinen Wolke, die nun eine Pfütze geworden war, verfinsterte sich aber bald. Sie war wohl bei dem Getrudel aus dem Himmel herab auf einem falschen Planeten gelandet. Denn hier gab es nichts was dem ähnlich sah, was sie einst vom Himmel aus beobachtet hatte. Und so streckte sie sich in die Sonne um zu verdampfen und im Himmel als kleine, weiße Wolke nach der wunderschönen Erde Ausschau zu halten. ENDE |
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